Libanon

„Seid ihr verrückt?“, ist der Konsens unserer Freunde und Verwandten in Europa, als sie erfahren, dass wir Urlaub im Libanon machen. „Bürgerkrieg“, „Bomben“ und „Hisbolla“ schwirren in ihren Köpfen herum, während wir mit dem kleinen Land an der Mittelmeerküste vor allem lange Partynächte in Beirut, historische Gebäude und gutes Essen verbinden. Der Libanon ist ein Land voller Gegensätze. Zwischen superteuren, hochmodernen Wolkenkratzern in Downtown von Beirut finden sich zerbombte, alte Villen voller Einschusslöcher. Daneben stehen Kirchen und Moscheen einträchtig nebeneinander. Während sich die wohlhabende, weibliche Oberschicht auf die nächste Schönheits-OP vorbereitet, suchen palästinensische Flüchtlinge in den Müllbergen nach Essen. Und wer entlang der Corniche 26 °C und Sonnenschein genießt, kann gleichzeitig auf schneeverhangene Berge blicken. Zahlreiche weitere Gegensätze warten nur darauf, von uns entdeckt zu werden…

Beirut – Zaitunay Bay und Downtown

„Beirut is the Elizabeth Taylor of cities: insane, beautiful, falling apart, aging, and forever drama laden.“, schrieb der libanesische Schriftsteller Rabih Alameddine in seinem Roman „An Unnecessary Woman“. Und richtig, all diese Eigenschaften finden auch wir in der pulsierenden Mittelmeerstadt. Aber zunächst zurück zum Anfang: Die Einreise am Flughafen ist unkompliziert. Unser Flieger ist beinahe leer, das Gepäck sofort auf dem Band und am Visaschalter (als deutscher Staatsbürger erhält man ein kostenloses Visum vor Ort) nichts los. Die Fahrt zu unserem Hotel, das sich im muslimischen Westteil der Stadt, nicht weit entfernt von der heute unsichtbaren Grenze zum christlichen Ostteil befindet, dauert gerade einmal 10 Minuten. Im Taxi riecht es nach Rauch, was daran liegen könnte, dass beinahe alle Libanesen, die wir auf unserer Reise treffen, notorische Kettenraucher sind – vielleicht deshalb, weil Zigaretten (1 USD pro Schachtel) das einzige sind, was in dem Land günstig zu haben ist. Von der Taxifahrt kann man das nicht gerade behaupten. Und auch beim Abendessen im Restaurant „Leila“, das zu einer großen Kette gehört, merken wir schnell, dass man in Beirut in sehr kurzer Zeit sehr viel Geld ausgeben kann. Dennoch genießen wir es, entlang der modernen Zaitunay Bay zu schlendern, die mit ihren Restaurantketten doch etwas an Dubai erinnern – jedoch an ein Dubai, in dem keine Alkohollizenzen benötigt werden.

Von dem viel gerühmten „richtigen“ libanesischen Essen gibt es für uns in der Zaitunay Bay allerdings nichts – die Mezze schmecken hier eindeutig genauso wie in Dubai, nur das Brot, das ist sogar schlechter, da nicht frisch, sondern abgepackt. Wir müssen uns bis zum nächsten Abend gedulden, an dem uns ein Einheimischer endlich die „richtige“ libanesische Küche zeigt. Im Al-Sultan Brahim, das sich in einem modernen Gebäude direkt am Meer befindet, kosten wir nicht nur die bereits bekannten Gerichte Hummus, Tabbouleh und Fattouch, sondern machen zudem Bekanntschaft mit Krabbensalat, Thunfischtartar, Mutabbal, verschiedenen Seafood-Köstlichkeiten sowie einem ganzen, riesigen gegrillten Fisch und sind restlos begeistert.

Da wir aber nicht nur die libanesische Küche besser kennenlernen möchten, sondern auch den Rest des Landes, begeben wir uns am nächsten Tag auf die Erkundung von Downtown. Downtown trennte ursprünglich den christlichen Ost- vom muslimischen Westteil der Stadt, wurde während des Bürgerkriegs aber beinahe vollständig zerstört. Heute ist das Viertel geprägt von modernen Gebäuden, der Mohammed-al-Admin-Moschee mit ihrer charakteristischen blauen Kuppel sowie der St. George Kathedrale, die friedlich nebeneinander stehen und angeblich genau gleich hoch sind – und einer großen Leere. Am Place de l’Étoile, dem großen Platz in der Mitte von Downtown ist niemand zu sehen außer schwer bewaffnetem Militär, das uns darauf hinweist, dass man hier besser keine Fotos machen sollte. In den neu errichteten Gassen tummelt sich ein verlassenes Geschäft an das nächste, die Restaurants sind alle verwaist. Etwas ratlos blicken wir uns um. Doch auch in den Abendstunden ändert sich das Bild nicht – das vormals lebhafte Viertel bleibt leise, verlassen und wirkt irgendwie gespenstisch. Später erfahren wir, dass eine sechs Monate andauernde Demonstration dazu führte, dass keiner mehr Downtown betreten konnte – und die Geschäfte und Restaurants deshalb leer blieben und aufgegeben wurden. Letzteres haben wir jedoch nicht und finden nach langer Suche endlich in einer Seitenstraße ein Restaurant, in welchem sogar einige andere Leute zu Abend essen. Bier und Wein stehen zwar nicht auf der Karte, doch der Besitzer ist angesichts der ausbleibenden Gäste sehr hilfsbereit und wie von Zauberhand erscheint das Gewünschte nach einiger Zeit auf unserem Tisch – und am Ende auf einer separaten, handgeschriebenen Rechnung, die nur bar beglichen werden kann…

Beirut – Corniche und Pigeon Rock

Auch wenn in Downtown von Beirut alles glitzert und glänzt, ist man nirgendwo in der Stadt vor den ständigen Stromausfällen sicher. Auch nicht im Aufzug unseres 5-Sterne-Hotels, wie wir am eigenen Leib erfahren müssen. Glücklicherweise ist der Strom aber immer nur für ein paar Sekunden bzw. Minuten weg und als der Aufzug sich endlich wieder in Bewegung setzt, begeben wir uns schnell nach draußen, wo wir keinen Strom benötigen.

Der Tag ist mit 26 Grad ungewöhnlich warm für März und wir nutzen das schöne Wetter und den Sonnenschein für einen Spaziergang entlang der Corniche. Fast eine Stunde gehen wir immer am Meer entlang und kommen dabei ganz schön ins Schwitzen – trotz der schneeverhangenen Berge in unserem Rücken (die Skisaison im Libanon dauert übrigens von Mitte/Ende Dezember bis Mitte März). An der American University und am Luna Park mit seinem Riesenrad geht es immer weiter bergauf bis wir endlich am Horizont unser Ziel mitten im Meer ausmachen können – Pigeon Rock.  Die Felsen ragen majestätisch über dem Wasser auf, werden von kleinen Booten umkreist und hin und wieder auch von waghalsigen Klippenspringern als Sprungbrett genutzt. Wir genießen den Ausblick auf das Naturschauspiel vom Petit Café bei einem erfrischenden Lemon Mint.

Jeita-Grotte

Heute kehren wir Beirut den Rücken, um die Sehenswürdigkeiten rund um die Stadt zu erkunden. Eigentlich sind die Tempel von Baalbek nahe der syrischen Grenze eines der bekanntesten Wahrzeichen des Landes. Aufgrund eindringlicher Reisewarnungen auf der Website des Auswärtigen Amtes sehen wir von einem Ausflug zu den römischen Bauten allerdings ab. Leider zu unrecht, wie wir später bei Gesprächen mit mehreren Einheimischen erfahren müssen. Auch Abu Habib, ein ca. 70-jähriger, kettenrauchender Libanese mit rudimentären Englischkenntnissen, der uns heute als Fahrer unterstützt, ist dieser Ansicht. Er holt uns in einem uralten, verschrammten Mercedes vom Hotel ab, der bereits so viele Kilometer auf dem Buckel hat, dass der Tacho diese nicht einmal mehr anzeigt. Seine Stimme klingt sehr heiser und als er bei der ersten Zigarette im Auto ungläubig mit einem „Why not?“ reagiert, als wir die angebotenen Zigaretten ausschlagen, wissen wir auch warum. Dennoch sind wir sehr froh, ihn heute an unserer Seite zu haben. Er erheitert uns nicht nur mit zahlreichen Anekdoten, sondern fährt uns auch sicher durch die verrückten Straßen des Landes. Überholt wird hier selbstverständlich auch bei Gegenverkehr, zur Rush Hour werden aus drei auch schon mal fünf Spuren und Sicherheitsgurte auf der Rückbank gelten als unnötiger Ballast. Untermalt wird das Straßenchaos von dem andauernden Hupkonzert, das uns von Beirut bis zu unserem ersten Stopp, der Jeita-Grotte, begleitet.

Wir haben nicht allzu hohe Erwartungen an die Besichtigung der Tropfsteinhöhle, werden dann aber positiv überrascht. Die Stalaktiten und Stalagmiten sind wirklich überwältigend (der größte ist 8,2 m lang) und die Höhle besitzt gigantische Ausmaße. 108 Meter misst die größte Halle vom Boden bis zur Decke und die komplette Höhle erstreckt sich auf einer Länge von 9000 m. Insgesamt können zwei Teile besichtigt werden. Der erste Teil wird zu Fuß erkundet, während der zweite Teil nur mit dem Boot zu erreichen ist – wenn der Wasserstand es zulässt. Ein leichtes Streifen der Decke mit dem Kopf scheint dabei noch in Ordnung zu sein, trotz der Wettrennen, die sich die Bootsführer in der Höhle liefern. Eine Seilbahn fährt hinauf zu der Grotte, in der aber leider striktes Fotografierverbot herrscht.

Harissa

Als nächstes fährt uns Abu Habib nach Harissa, einer christlichen Pilgerstätte über der Stadt Jounieh. Hier befindet sich eine riesige Marienstatue, die man erklimmen kann und die einen atemberaubenden Ausblick auf die libanesische Küste bietet. Hier oben ist es jedoch recht frisch, weshalb wir bald wieder den Weg nach unten antreten. Diesen legen wir abermals in einer altertümlichen Seilbahn zurück, die mit ihrer atemberaubenden Geschwindigkeit aber eher an eine Achterbahn erinnert und deren Kabinen gefährlich nah an den trostlosen Wolkenkratzern von Jounieh vorbeifahren. Später erfahren wir, dass viele Einheimische die Seilbahn meiden – aus Sicherheitsgründen..

Byblos

Im Tal angekommen, wartet Abu Habib bereits auf uns und fährt uns nach Byblos, eine der ältesten Städte der Welt (besiedelt seit dem 5. Jahrtausend v. Chr.). Ihre Blütezeit erlebte Byblos während der phönizischen und der römischen Zeit sowie im Mittelalter und der Hafen war bereits in der Bronzezeit ein wichtiger Umschlagplatz für Zedernholz (das im Libanon inzwischen geschützt ist).

Heute findet man am Hafen eines der bekanntesten Restaurants des Landes. Bei Pépé, der sein Restaurant 1962 eröffnete und auch „Hugh Hefner des Mittleren Ostens“ genannt wurde, haben bereits Persönlichkeiten wie Audrey Hepburn, Anita Ekberg, verschiedene Präsidenten sowie viele weitere Stars gespeist. Heute wird das Restaurant jedoch hauptsächlich vom Otto-Normaltourist besucht, was sich nicht nur in der Qualität des Essens, sondern auch im Service widerspiegelt. Während die Speisen insgesamt in Ordnung, jedoch nicht herausragend sind (Pépés weißer Hauswein ist hingegen wirklich lecker), ist der Service unterirdisch. Wir werden vom Besitzer, dem Sohn Pépés, bedient, der es schafft, während der Bestellungsaufnahme kein Wort mit uns zu wechseln, die Speisen lieblos auf den Tisch knallt und uns erst nach fünfmaliger Aufforderung frisches Brot bringt. Dafür ist der Ausblick auf den Hafen wirklich wundervoll.

Wirklich sehenswert sind hingegen die Kreuzfahrerburg sowie die archäologischen Stätten drum herum. Mit gerade einmal 5,50 USD ist der Eintritt für libanesische Verhältnisse zudem ein echtes Schnäppchen. In der Burg befindet sich ein kleines Museum, in dem verschiedene Fundstücke ausgestellt werden. Das Highlight ist aber sicherlich der Ausblick vom Turm der Burg, der auf den Hafen, die römischen Kolonnaden, das Amphitheater und verschiedene Tempel reicht.

Beirut – Nachtleben

Nachdem Abu Habib uns sicher wieder im Hotel abgesetzt hat, machen wir uns endlich an die Erkundung des Nachtlebens von Beirut. Nach einem exzellenten, armenischen Abendessen (das Restaurant Mayrig ist wirklich zu empfehlen) begeben wir uns in eine Straße, in der sich ein Pub an den nächsten reiht. Die Leute nutzen die angenehmen Temperaturen und sitzen auf Barhockern auf den Gehwegen oder stehen einfach nur auf der Straße herum, während sich eine Autokolonie auf der Suche nach Parkplätzen in Schrittgeschwindigkeit durch die Gassen schiebt. Hat ein Fahrer oder eine Fahrerin keine Lust mehr auf die Suche, steigt er oder sie einfach mitten auf der Straße aus, während das Auto sogleich von einem der zahlreichen Valet-Parking-Jungs wieder in Bewegung gesetzt wird. Ausgelassen wirkt die Menge an Menschen und sie steckt uns mit ihrer Fröhlichkeit an. Dennoch gibt es auch in der Partystraße Schattenseiten. So sieht man syrische Flüchtlingskinder, die Rosen verkaufen und palästinensische Jugendliche, die sich als Schuhputzer etwas dazu verdienen möchten. Zwischen all den operierten Nasen wirkt dies beinahe unwirklich. Genauso die Geschichte, die wir über das Viertel erfahren. Nach dem Verfall des libanesischen Pfunds durften die Hauseigentümer hier und auch in anderen Gegenden der Stadt die Miete aufgrund des unterschriebenen Vertrages nicht erhöhen. Dies hat zur Folge, dass auch heute noch Wohnungen in einer der beliebtesten (und lautesten) Straßen der Stadt für gerade einmal einen Dollar im Monat vermietet werden müssen – in einer Stadt, in der ein Glas Wein im Restaurant mindestens 7 USD kostet.

Trotz oder gerade aufgrund seiner Gegensätze hat uns das Land in seinen Bann gezogen. Die wundervollen Landschaften, die historischen Stätten, aber auch seine Menschen und die Geschichte haben es in sich. So kommen auf die 4 Millionen Einwohner des Libanon 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Zudem leben bereits seit 7 Jahrzehnten zahlreiche Palästinenser hier, die zum Teil immer noch in provisorischen Unterkünften hausen. Doch obwohl 18 anerkannte Religionsgemeinschaften inzwischen weitgehend friedlich miteinander leben, wird das Land sein schlechtes Image nicht los, Touristen verirren sich nur noch wenige in das Mittelmeerland – völlig zu Unrecht, wie wir finden!