Schottland

Winter und Schottland lassen sich auf den ersten Blick nicht so gut mit dem Wort „Urlaub“ kombinieren. Mit einem guten Plan und den richtigen Freunden im Gepäck zeigen sich die schottischen Highlands aber auch zur eisigen Zeit von ihrer warmen Seite – was man von ihren Bewohnern allerdings nicht unbedingt behaupten kann. So erwarten uns auf unserer Rundreise durch Schottland atemberaubende Landschaften aber auch überraschend unfreundliche Leute. Unsere Route startet dabei in Edinburgh, wo wir nicht Silvester, sondern „Hogmanay“ feiern und führt dann weiter über Stirling Castle, Fort William und Loch Ness und durch die schottischen Highlands, bis wir am Ende noch etwas Glamour in St Andrews abstauben.

Tag 1 Edinburgh Castle & Royal Mile

In Edinburgh angekommen geht es mit dem Taxi zu Harriets Wohnung, die für die nächsten beiden Tage unser Zuhause sein wird. Harriet ist wirklich sehr nett (trotz eines dubiosen Schlüsselanhängers) und hat sogar 2 Flaschen Prosecco für uns kaltgestellt – bei einem Mietpreis von mehr als 600 Euro für die beiden Tage aber auch irgendwie angemessen. Ihre Wohnung ist sehr schön, hat aber leider einen entscheidenden Mangel. Sie ist definitiv viel zu kalt. Und zwar nicht nur für uns sonnenverwöhnte Dubaianer, sondern sie ist echt richtig kalt. Ohne mehrere Lagen an Pullovern und gefütterten Schuhen geht es gar nicht und als wir später die Wohnung verlassen, stellen wir fest, dass es draußen eindeutig wärmer ist als drinnen. Brrr. Die Schotten scheinen ähnlich sparsam wie wir Schwaben zu sein, was wir im weiteren Verlauf unserer Reise auch noch deutlicher spüren werden…

Wenn man die Wohnung verlässt, zeigt sie sich allerdings von ihrer guten Seite. So befindet sie sich nur wenige Gehminuten von der Royal Mile entfernt, die wir auch kurze Zeit später erkunden. Gekrönt wird unsere Sightseeingtour vom Besuch des Edinburgh Castle. Mit beinahe 17 Pfund Eintritt pro Person ist es zwar etwas überteuert, dafür genießt man von hier einen schönen Ausblick auf die Stadt.

Im Anschluss genießen wir ein exzellentes Abendessen im Restaurant Dubh Praise, das sich glücklicherweise nicht weit entfernt befindet. Der Rückweg gestaltet sich allerdings etwas schwieriger, da aufgrund des Hogmanay – einer mehrtägigen Silvesterfeier und dem gleichzeitig größten Winterfestival Europas – zahlreiche Fackelträger die Royal Mile entlanggehen, sodass ein Überqueren beinahe unmöglich scheint. Schließlich tut sich aber doch eine Lücke auf, sodass wir auf der anderen Seite in einem kleinen Pub noch einen Absacker genießen können.

Tag 2 Edinburgh: Arthur’s Seat & NYE

Ich spüre meine Zehen nicht mehr. Wahrscheinlich bin ich im Schneegestöber erfroren. Langsam blinzle ich und öffne meine Augen. Das Schneegestöber entpuppt sich als weißes Bettlaken, meine Zehen spüre ich aber trotzdem nicht und auch mein Gesicht gleicht einem Eiszapfen. Bibbernd stehe ich auf, schlüpfe in meine gefütterten Winterstiefel und begebe mich ins Bad, wo ich mir erst einmal eine heiße Dusche genehmigen möchte. Leider herrscht aber auch hier Eiszeit und nachdem das Wasser 30 Sekunden lang immerhin noch lauwarm war, wird es mit einem Mal arktisch kalt und ich breche das Duschabenteuer ab. Nun ist mir noch kälter als vorher und ich schnappe mir den Fön als Heiersatz.

Das Thermometer in der Küche zeigt 17 °C, eigentlich fühlt es sich aber an wie -17 °C. Zum Glück hat sich unser Reisebegleiter in der Zwischenzeit auf die Suche nach heißem Kaffee begeben. Als wir später alle gemeinsam das arktische Apartment verlassen, wissen wir auch warum er freiwillig losgezogen ist: Draußen ist es deutlich wärmer als in Harriets Iglu.

Der folgende Spaziergang (Manu würde es definitiv als Wanderung bezeichnen) sowie ein Flachmann voll mit Whisky aus Harriets Bar tun nun ihr übriges, sodass wir alle langsam wieder auftauen. Für heute haben wir uns Arthur’s Seat vorgenommen, ein idyllischer Hügel, der sich eng an die Stadt anschmiegt und eine einmalige Aussicht verspricht. Leider entwickelt sich der kleine Hügel im Laufe des Aufstiegs zu einem kleinen Berg und die anfangs noch angenehme Brise steigert sich zu einem kräftigen Orkan. Auf der Hügelkuppe werden wir fast weggeweht und schaffen es nur mühsam, ein paar Fotos zu schießen.

Der nahe der Royal Mile gelegene Weihnachtsmarkt kommt da gerade recht und wir wärmen uns nach dem Abstieg bei heißem Plum Cider (schmeckt jetzt eher nicht so gut) sowie Fish&Chips und Bratwurst wieder auf.

Zurück in der Arktis erwartet uns eine Überraschung: Unser Reisebegleiter hat es dank Manipulation des Thermostats geschafft, die Bude aufzutauen und langsam wird uns allen wieder warm und wir können mit den Vorbereitungen für Silvester starten. Als alle Haare schließlich geglättet sind, fängt es an zu regnen und wir hasten durch den Niesel Richtung Scotsman-Hotel, wo ein 9-Gänge-Dinner auf uns wartet.

Die Schotten sind wohl alle noch recht vom Vortag verkatert, denn auf unserem Weg zum Hotel sind die Straßen ungewohnt leer und ruhig. Im Hotel angekommen, werden wir nach einigen Verständigungsschwierigkeiten dann auch zum Champagner-Empfang geführt, wo mit unserem Eintritt der Altersdurchschnitt um ca. 40 Jahre gesenkt wird. Zum Glück versorgt uns unser Spezialkellner Jakub während des anschließenden Dinners mit genügend Wein, sodass auch wir auf der Greisen-Feier unseren Spaß haben. Das Essen tut natürlich das Übrige dazu – die 9 Gänge sind wirklich überwältigend und kaum zu schaffen. Um Mitternacht geht es dann raus auf die Northbridge, wo nicht nur die Umgebung, sondern auch die Leute sehr voll sind. Dennoch ist es ein unverwechselbar schönes Erlebnis, hier das neue Jahr zu begrüßen.

Tag 3 Stirling Castle & Fort William

Etwas verkatert geht es für uns am nächsten Tag mit dem Taxi zum Flughafen, wo wir unseren Mietwagen für die anschließende Rundreise abholen möchten. Leider haben wir diesen aber bei einer Betrügerfirma gebucht, die eine versteckte Klausel in ihren Mietbedingungen eingebaut hat. Diese besagt, dass der Mietwagen bei mehr als einer Stunde Verspätung weitergegeben und das im Voraus bezahlte Geld einbehalten wird. Es ist Neujahr. Natürlich sind wir mehr als eine Stunde zu spät. Nun folgt eine mehr als einstündige Diskussion mit der völlig überforderten Schalterfrau, die uns dazu zwingt, ein Upgrade in Höhe des ursprünglichen Preises ohne Versicherung zu kaufen, da angeblich keine gleichwertigen oder kleineren Autos mehr verfügbar sind. Gezwungenermaßen machen wir uns nun also statt mit einem Jeep mit einem nagelneuen 3er BMW auf den Weg in die Highlands – nicht gerade das ideale Gefährt für solch einen Trip.

Durch die Diskussion haben wir viel Zeit verloren, sodass wir erst am späten Nachmittag in Stirling Castle ankommen. Hier nehmen wir an einer geführten Tour teil, die bestimmt ganz interessant gewesen wäre, wenn der Guide etwas lauter und etwas weniger schottisch gesprochen hätte. Dennoch ist Stirling Castle überwältigend und wir bleiben hier, bis es dunkel wird.

Nun müssen wir im Stockfinstern unseren Weg durch die Highlands finden –  der immerhin noch mehr als 100 Meilen beträgt. Auch wenn die Schotten ansonsten recht sparsam sind – am Fernlicht sparen sie nicht so sehr, weshalb wir mehrmals beinahe blind durch die Highlands tuckern. Zwei beinahe Wildunfälle mit gigantischen Hirschen und eine Begegnung mit einem 3 m hohen Geist später treffen wir schließlich in Fort William ein, wo wir nach einem sehr guten Abendessen in unserer Unterkunft Lime Tree An Ealdhain erschöpft in die Betten fallen.

Tag 4 Glen Etive, Glen Finnan & Loch Ness

Als wir am nächsten Morgen aufstehen, wissen wir immer noch nicht, wie es in Fort William aussieht, da es weiterhin stockdunkel ist. Bei fettigem, schottischem Frühstück mit Schweineblut, Lachs, Speck und frischen Croissants lichtet sich das Dunkel langsam und wir finden uns an einem nebelverhangenen, romantischen See wieder.

Da wir aufgrund der gestrigen Dunkelheit das eigentliche Highlight der Strecke verpasst haben, fahren wir wieder gut 20 Meilen zurück. Unser Ziel heißt Glen Etive. Die raue Landschaft ist aus dem James Bond Film „Skyfall“ bekannt und besteht aus einer kleinen, einspurigen Straße, die mitten durch die Highlands führt. Entlang des Weges schlängelt sich ein Bach, auf dem am frühen Morgen bereits einige Kanufahrer unterwegs sind. Das eigentliche Highlight sind aber die schroffen Berge, die sich rechts und links entlang der Straße erheben.

Anschließend führt uns unsere Tour zu einer weiteren Filmszene – dem gigantischen Viadukt, über das sich der Hogwarts Express aus den Harry Potter-Filmen seinen Weg sucht. Kein Ort könnte wohl besser passen, wirkt die Landschaft rund herum doch buchstäblich verzaubert.

Zuletzt widmen wir uns auch noch den Sagengestalten und zwar einer der bekanntesten der Welt. Die Rede ist natürlich von dem Seeungeheuer Nessi, das im Loch Ness sein Unwesen treibt. Von der Ruine des Urquart Castle haben wir einen exzellenten Blick auf den See, doch dem Monster ist es an diesem Tag vermutlich zu kalt, denn es lässt sich nicht blicken.

Die letzte Etappe des Tages führt uns schließlich nach Inverness, wo sich unser Hotel befindet. Irgendwie ziehen wir die Senioren auf dieser Reise magisch an, denn im Best Western Inverness Palace & Spa, das wir für diese Nacht gebucht haben, befinden sich ausschließlich solche. So riecht es im ganzen Hotel auch, weshalb wir beschließen, unser Dinner außerhalb einzunehmen. Wir entscheiden uns für den Waterfront Pub, indem wir alle exzellente Vorspeisen genießen. Auch Manus „3 little pigs“ waren wohl hervorragend, mein roher Fisch in Sahnebrühe sowie das Bier (aka dreckiges Wasser) ließen aber zu wünschen übrig. Am meisten enttäuscht waren wir jedoch vom Service. Sobald das Servicepersonal unseren deutschen Akzent zu Ohren bekommen hat, ist es quasi nicht mehr existent. Aus diesem Grund beschließen wir auch, nach der Rechnung zu verlangen und einen letzten Whisky in der Hotelbar zu trinken. Doch auch hier werden wir von der Bedienung erst einmal ungeduldig angeblafft, ob wir denn überhaupt Hotelgäste seien, bevor sie sich dazu entschließt, uns zu bedienen. Irritierend ist die übertriebene Freundlichkeit, die sie gegenüber den schottischen Gäste hervorzaubert – und uns langsam in dem Gedanken bestärkt, dass die Deutschen hier wohl nicht so gern gesehen sind…

Tag 5 Inverness, Royal Lochnagar Distillery & Aboyne

Da uns das Hotel an diesem Morgen noch weniger zusagt, beschließen wir, auswärts zu frühstücken und finden ein kleines, italienische Restaurant. Hier erfahren wir auch, dass zwischen 1 Uhr morgens und 11 Uhr morgens eine strikte, schottische Sperrstunde regiert, weshalb es für uns an diesem Tag kein Prosecco-Frühstück gibt.

Nach einem kleinen Abstecher zum Elektronikladen (die Preise für eine SD-Karte variieren je nach Nähe zur Touristenstraße zwischen 7 und unglaublichen 40 Pfund), geht es weiter in die Highlands. Auch heute werden wir wieder von der Landschaft und dem atemberaubenden Himmel verzaubert und die ausgedehnten Weiden mit ihren unzähligen Schafen tun ihr übriges, damit Schottland uns wieder in seinen Bann zieht. Ganz oben in den Highlands liegt sogar etwas Schnee – so stellt man sich einen perfekten schottischen Wintertag vor.

Das angestrebte erste Ziel der Reise – der schottische Sommersitz der Queen (Balmoral Castle) – ist leider geschlossen, sodass es für uns direkt weiter zur Royal Lochnagar Distillery zum Whisky-Tasting geht. Hier werden wir zunächst durch den kompletten Produktionsprozess geführt, bevor es ans Probieren geht. Obwohl jeder von uns nur zwei Sorten kostet, torkeln wir im Anschluss kichernd zum Auto, während unser Fahrer, der seine Whiskys in Urinabgabebechern mit nach Hause bekommen hat, zu Recht entnervt die Augen verdreht 😉

Durch die Highlands geht es weiter zu unserem Hotel – The Boat Inn – wo wir wieder einmal im Dunkeln ankommen und uns die nächste Überraschung erwartet. Aufgrund eines Wasserrohrbruchs ist nur noch ein Doppelzimmer verfügbar – ein zweites Zimmer mit zwei Einzelbetten bekommen wir als Entschädigung aber kostenlos, genauso wie eine Flasche Wein, die wir zu einem exzellenten Abendessen genießen.

Tag 6 St Andrews

Am nächsten Morgen machen wir beim Frühstück wieder einmal Erfahrung mit der schottischen Freundlichkeit. So weigert sich unsere Kellnerin, eine simple Bestellung (Rührei mit Speck und einer Tomate) an die Küche weiterzugeben, da es sich dabei nicht um eines der aufgelisteten Menüs handle und der neue Koch dies daher nicht zubereiten könne. Nun gut, dann wird es eben Rührei (steht als Menü auf der Karte) und Speck (steht als Beilage auf der Karte) ohne Tomate (steht nur als Beilage anderer Menüs auf der Karte). Die Portion fällt dann auch ziemlich klein aus und auf die Frage, ob es möglich wäre, noch eine Portion Porridge zu bestellen (steht als Menü auf der Karte), erklärt sie bestimmend, dass es nicht die „Norm“ wäre, sich zwei Dinge von der Karte auszusuchen und es nicht möglich sei, noch etwas zu bestellen (ich möchte hier betonen – die Rede ist von PORRIDGE ohne irgendwas dazu). Erst als der Besteller ihr entgegnet, in diesem Fall wohl woanders sein Frühstück einzunehmen, lenkt sie ein. Man könnte nun meinen, die Kellnerin habe einfach nur einen schlechten Tag gehabt und wäre zu allen Gästen entsprechend unfreundlich. Weit gefehlt. Am Nebentisch sitzt ein schottisches Pärchen, das sie mit übertriebener Freundlichkeit und einem herzlichen Lächeln begrüßt. Dann betont sie lautstark, dass das besagte Pärchen alles bestellen könne, was es wünsche. Als die Kellnerin beim Heraustragen der Speisen die beiden Frühstücke der Schotten verwechselt, entschuldigt sie sich gestenreich und bringt ihnen als Entschädigung ungefragt noch eine neue Extraportion. Wir beschließen mit sofortiger Wirkung, so zu tun als kämen wir aus der Schweiz.

Durch die Highlands geht es für uns im Anschluss weiter ins glamouröse St Andrews. Hier hat William seine Kate kennengelernt (ein Café weist sich mit einem großen Schild als Ort des ersten Rendezvous aus), die Sprösslinge zahlreicher Celebrities gehen hier aufs Internat und ein Golfplatz reiht sich an den nächsten. Natürlich hat auch unser Hotel, das Fairmont, seinen eigenen Platz zu bieten und auch sonst weist das Hotel alle Annehmlichkeiten auf, die man sich vorstellen kann. Wir werden sogar freundlich begrüßt. Gegen das Gemurmel der anderen Gäste beim Frühstück kann aber auch das 5-Sterne-Hotel nichts machen. Das dreht sich nämlich lautstark darum, dass wir Deutschen uns den Aufenthalt in dem Hotel wohl nur dank des Brexit leisten können (falsch gedacht, der Dirham ist Schuld daran 😉 …

Am Abend unternehmen wir noch eine geführte „Ghost Tour“ durch das beschauliche Städtchen, auf der wir nicht nur allerlei Spukgeschichten von den unzähligen Geistern, die in St Andrews ihr Unwesen treiben (und davon sind es ziemlich viele) zu Ohren bekommen, sondern auch viel Historisches über die Stadt erfahren. Da die Geisterrunde standesgemäß im Dunkeln stattfindet, nehmen wir uns die bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt (Kathedrale und Festung) am nächsten Morgen nochmal bei Tageslicht vor und werden nicht enttäuscht. St Andrews hat wirklich Flair! Leider handelt es sich dabei aber auch schon um die letzte Etappe unserer Reise und nach einem kurzen Zwischenstopp in London geht es für uns anschließend zurück ins verschneite Deutschland.